Ich mag Dich leiden (I)


Ich mag Dich leiden (I)

Zur Theodizee-Frage

 

 

Zur Theodizee-Frage

 

kann man an sich nichts sagen. Es gibt für sie keine Antwort. Was echt frustrierend sein kann.

Unter den Never-give-up-Nachdenkern gibt es bedeutsame Namen wie Leibniz, Luther oder Karl Rahner.

Frust kann auch ermuntern, endlich eine Lösung zu finden.

 

Wobei es hier in einem Impuls immer auch darum gehen soll, das etwas alltagstauglich rüberkommt.

Das Buch „Keiner fragt, Theologen antworten“ – das gibt es wirklich – braucht an dieser Stelle keine Fortsetzung.

 

Treffend hat Kirchenvater Laktanz (250-320) die Frage formuliert:

 

„Entweder will Gott die Übel beseitigen, kann es aber nicht:

Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft.

Oder er kann es, will es aber nicht:

Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist.

Oder er will es nicht und kann es nicht:

Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, folglich nicht Gott.

Oder aber er will es und kann es, was allein sich für Gott ziemt:

Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?“

 

Hätte es einen Sinn, dann wäre es manchmal leichter zu ertragen. Und deshalb nennen wir unschuldiges Leiden oft sinnlos. Die Leidenden fragen „Warum?“ Und die Außenstehenden fragen noch viel mehr „Warum die oder der?“  Wenn es einen Sinn im Leiden gibt: Ich möchte ihn verstehen. Es ist menschlich und verständlich nach Ursache und Wirkung zu fragen. Also auch: Warum? Und Wozu?

 

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) hat dann diesen Begriff der Theodizee erfunden. Darin steckt das griechische Wort für Gott und Gerechtigkeit. Es geht also um die Rechtfertigung Gottes. Der ist für Leibniz per se allmächtig und allgütig.

 

Leibniz kommt in seinem Nachdenken zu dem Schluss, dass wir in der „besten aller möglichen Welten“ leben.

Und wenn ich draußen den strahlend blauen Oktoberhimmel sehe, der mit goldenem Blattwerk um die Wette leuchtet muss ich sagen: Recht hat er!

 

Zumindest bis zur nächsten Nachrichtensendung.

 

Um Leibniz gerecht zu werden wenigstens ganz kurz seine Argumentation: Wäre eine bessere Welt denkbar, die Gott nicht schaffen konnte, dann wäre er nicht allmächtig. Hätte er sie schaffen können, wollte dies aber nicht, dann wäre er nicht allgütig.

 

Zur Harmonie der von Gott geschaffenen Welt gehören abgestufte Grade in der Vollkommenheit des kreatürlichen Seins. Ohne diese wäre die Welt ein Einerlei, also weniger vollkommen. Leiden wird in dieser Welt verstanden als die Empfindung des Abstands des weniger vollkommenen zum vollkommeneren und sollte um die Harmonie des ganzen Willen akzeptiert werden.

Menschen können ihre Freiheit missbrauchen. Ohne Freiheit aber wäre die Welt weniger vollkommen. Gott kann auch menschliche Verfehlungen zum Besten des Ganzen dienstbar machen.

 

Ich würde sagen: Damit ist Gott ein für allemal aus dem Schneider. Und Leiden ist erklärbar. An Gott liegt es jedenfalls nicht! Er ist voll rehabilitiert.

 

Da ich immer schon skeptisch war gegenüber dem Prinzipiellen – besonders, wenn es von Menschen vorgetragen wird:

Ist das jetzt die Antwort, die ich der Mutter der Fünfjährigen geben kann? Sie hat ihr Kind verloren, weil es von einem IS-Kämpfer in glühender Hitze draußen angekettet wurde. Es verdurstete. In Deutschland kam es zu einem ersten Prozess, in dem die Frau des IS-Kämpfers 10 Jahre Haft bekommen hat. Ist das der Ausgleich für den Tod der Fünfjährigen?

Hilfreich könnte sein zu fragen: Ist meine Antwort auf die Theodizee-Frage auch einem Menschen zumutbar, der schwerstleidend ist? Kann ich sie ihm ins Gesicht sagen? Ansonsten wäre es einmal mehr ein Versuch, das Leiden zu rechtfertigen auf Kosten der Leidenden.

So fragen die Freunde Jesu ihn einmal, als sie einen Blindgeborenen sehen:  Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? (Joh 9,2).

Irgendwer muss ja schuld sein für diese Strafe.

Jesus dagegen hat nie eine Theorie des Leidens entwickelt; wohl aber wendet er sich in herzlichem Erbarmen Menschen zu, denen Leiden widerfährt.

 

Wäre das nicht schonmal eine erste freundliche Haltung? Eine Zuwendung, manchmal auch ohne Worte. Wie hilfreich kann ein Schweigen sein, in dem man ein Leiden eines anderen mit aushält – ohne es zu erklären?

 

In der Theodizee-Frage lässt sich tiefe Menschlichkeit entdecken. Die freundliche Mitmenschlichkeit Gottes in Jesus Christus. Und im Blindgeborenen leuchtet ein Kind es Himmels auf.


 


Foto: Ulrich Melzer
Foto: Ulrich Melzer

Hier findest du noch weitere Blogeinträge von uns.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0